Die Erfindung des Vaters

Der biblische Abraham hat als mythischer Held nicht nur den Monotheismus erfunden, sondern auch das Patriarchat und damit den Mann als soziales Geschlecht.

Kapitel 15: Die Erfindung des Vaters

Das Isaak-Opfer gibt Rätsel auf: Ein Mann hat ein Traumgesicht, das ihm aufträgt, sein Kind, seinen Sohn im Zuge eines Opfer-Ritus zu töten. Das Traumgesicht ist so stark, dass er seinen Weisungen folgt – um im letzten Moment die Tötung doch nicht zu vollziehen. Was für eine Geschichte. Wer hat sie sich ausgedacht? Der Erzähler lässt einen Gott auftreten, der Abraham „versuchen“ will, wie es heißt, ihm das Unglaubliche abverlangen als Beweis seines Glaubens. Eine rituelle Tötung als Eingang in eine geschlossene Gesellschaft, eine Tür, die man nur einmal und nur in eine Richtung durchschreiten kann. Das Isaak-Opfer gleicht dem Initial-Verbrechen, das einer begehen muss, um in den Kreis der Gangster aufgenommen zu werden – samt Beschneidung als Entsprechung zur unauslöschlichen Tätowierung. Die Theologen sprechen von einem „Bund mit Gott“.

Es hat viele Deutungen dieser Passage gegeben, die religiösen nehmen die Geschichte meist wörtlich, konstruieren daraus ein Glaubensbekenntnis und ihren allmächtigen Gott, der alles gibt, aber auch alles nehmen kann. Zweifler werden dann gerne noch mit der Story angegangen, Gott Jahwe habe in seiner endlosen Güte, indem er Isaak vor dem Opfertod bewahrte, die unselige Sitte des Kindsopfers aus der Welt geschafft. Man glaubt es halt. Zwar sind in der Tat bei den frühen Kulturen Kindsopfer belegt, aber erstens sind sie recht selten und zweitens wurden sie nur angesichts einer unmittelbaren, existenziellen Bedrohung getätigt, wenn einen der Moloch zu verschlingen drohte. Abraham ist nicht bedroht, als er mit Isaak zum Berg Moria zieht. Außerdem findet das Opferritual unter Ausschluss jeglicher Zeugen statt – welche Botschaft hätte damit an wen übermittelt werden sollen? Hier zeigt sich eher die Hilflosigkeit, einem Unverständlichen doch noch irgendwo einen Sinn abzugewinnen. Überhaupt ist die These von der Versuchung eines Gläubigen durch seinen Gott wohl eher Propaganda, die darüber hinwegtäuschen soll, dass man die eigentliche Bedeutung des Vorgangs bis heute nicht verstanden hat. Wenn wir meiner These folgen, dass Abraham der Auftakt zur monotheistischen Religion unter dem Diktum der Vernunft ist, dann verbieten sich auch alle moralphilosophischen Überlegungen, ob er nun seinem Gott hätte widersprechen müssen, ob Gottes Gebot mehr wiegt als Elternliebe und dergleichen mehr. Die moralischen Begrifflichkeiten sind ja samt und sonders post-abrahamitisch – sie auf den Mythos selbst anzuwenden, ist Spiegelfechterei und beraubt den Mythos seiner begründenden Kraft. Wir verstehen die Geschichte auch nicht besser, wenn wir sie neben ein anderes berühmtes Kindsopfer stellen, Agamemnons Tötung seiner Tochter Iphigenie. Iphigenies Tod besänftigt eine Göttin und macht den Weg frei zur Schlacht um Troja, hat aber keine unmittelbare mythologisch-begründende Bedeutung. Man könnte sagen, das Iphigenie-Opfer bleibt menschheitsgeschichtlich folgenlos (mit einigen Abstrichen, wie wir sehen werden). Auch der Versuch der Psychoanalyse, im Sohnesmord (und sei er auch unvollstreckt) eine Art umgekehrten Ödipus-Komplex, einen Laios-Komplex zu verorten, rückt die Angelegenheit in ein völlig falsches Licht: sie unterstellt dem Vater eine Angst vor dem Vatermord, der er durch die Tötung des eigenen Sohnes zuvorkommen will. Abgesehen davon, dass die Psychoanalyse ihr Herkommen dabei wieder einmal nicht verleugnen kann und Erklärungsmuster aus der Biologie und Verhaltensforschung übernimmt (das stärkste Männchen der Horde tötet seine Nachkommen), die Laios-These ignoriert auch vollständig die Geschlechterverhältnisse, sie kennt, als Produkt der linearen Zeit, nur das eine, das männliche Geschlecht. Und vor allem verfehlt sie den Punkt, dass das Opfer nicht vollzogen wurde. Der Nicht-Vollzug ist eben keine symbolische Wiederholung einer mythischen Tat, sondern er ist ein einmaliger Akt, der irreversible Folgen hatte.

Allen bisherigen Interpretationsversuchen muss man vorhalten, dass sie zu sehr die Unglaublichkeit des Tötungsgebotes im Blick hatten. Dabei ist es gerade das nicht-vollziehen, wie wir gleich sehen werden, das etwas bewirkt. Der Fehler liegt darin, dem Erzähler dahingehend zu folgen, ein Gott habe Abraham zunächst das Tötungsgebot erteilt, um es dann selbst im letzten Moment zu widerrufen. Wir dürfen die Existenz dieses Gottes (und sei es als psychische Funktion) aber nicht annehmen, wenn es richtig ist, dass die Idee des Vatergottes durch Abraham erst konstituiert wurde. Die Richtigkeit dieser Überlegung wird sich im weiteren Verlauf bestätigen. Sehen wir also einmal, wie die Geschichte ohne einen intervenierenden Gott funktioniert.

Wir haben zunächst das Motiv des sohnlosen Mannes, des Kinderlosen. Wer soll ihn im Alter führen, wenn er nicht mehr gut sieht, wenn er wackelig auf den Beinen ist, wenn er wieder einmal zu viel getrunken hat? Wer soll ihn pflegen? Wer soll ihm beim opfern zur Hand gehen? Es ist die Aufgabe des Sohnes, den alternden Vater Stück für Stück zu ersetzen; je mehr dieser aus dem sichtbaren Teil des Kreises verschwindet, um so mehr soll der Junge nachrücken. Ohne Nachkommen droht die Kreisbahn, sich im Nichts zu verlieren. Diese Sorgen quälen Abraham aber nicht. Er fürchtet sich nicht vor dem Alter. Für ihn geht es um die Idee, ein Anfang zu sein, der Same eines Stammbaumes, der Beginn einer Linie. Der abrahamitischen Linie. Wir sehen schon anhand dieser wenigen Worte, welch Anmaßung in diesem Ansinnen liegt, bedeutet es doch nicht weniger, als den Kreis zu verlassen, nicht unter dem Sohn zu verschwinden, sondern hinter ihm immer erhalten zu bleiben. Das lange warten auf das Kind, das einzige Kind, ist daher nicht nur ein dramaturgischer Griff des Erzählers, um die Fallhöhe für die Opferszene herzustellen, sondern richtet das Leben Abrahams schon von Anfang an auf ein Ziel aus und zwar nur eines: Ich muss diesen Sohn haben, um in ihm meinen Namen fortzupflanzen. Für einen Menschen ist diese Aufgabe eigentlich zu groß; aus dem Kreis auszubrechen, der Tag und Nacht, Sommer und Winter, die Götter und die Geschlechter der Menschen miteinander verbindet, wäre ein ungeheurer Frevel gewesen. Es musste als göttliche Verheißung kaschiert werden: würde der Ausbruch gelingen, würde aus dem Kreis heraus eine Linie begründet werden können, dann würde dieser eine Gott über alle anderen Götter siegen. Um aber das Geschlecht Abraham als einziges zu etablieren, muss das weibliche Geschlecht degradiert, in einem gewissen Sinne, als Gleiches, also vernichtet werden. Auch gilt, wie für jeden Mythos, dass der „Held“ die Folgen seines Tuns nicht überblickt, er schreibt nicht Weltgeschichte aus einer planenden Vernunft heraus, sondern er handelt, im Entstehungskontext des Mythos, irgendwie menschlich: ein mächtiger Gott fordert ihn heraus, er folgt.

Abraham macht über Jahrzehnte die Erfahrung, dass er allein nicht zeugen kann. Gebären kann nur die Frau. Die Frau steht dafür ein, dass das Leben in seiner kreisförmigen Bewegung bleibt, der Lebenszyklus ahmt sich im Zyklus der Frau sogar selbst nach. Das gebärenkönnen macht die weiblichen unter den Gottheiten zu den mächtigsten. Sara gebiert aber nicht. Abraham macht also eine doppelte Ohnmachtserfahrung: Er gebietet über kein Land, ist vielmehr von der Duldung der jeweiligen Herrscher abhängig, und es droht ihm das vergessenwerden im Totenreich, weil kein Nachkomme sein Andenken pflegt. Der Versuch, Sara durch eine anderen Frau, eine gebärende zu ersetzen, misslingt, wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben. Es läuft damit auf die Zuspitzung: ein Mann, eine Frau, ein einziges Kind zu – wir könnten dies eine Art Nullstelle nennen, wo das große Lebensrad für einen Moment innehält, wo die ganze geile Fruchtbarkeit der Geschlechter für einen Moment ausgesperrt wird, wo gerade noch die kleinstmögliche Familie gegeben ist: Vater, Mutter, Kind. Und in diesem Moment geschieht nun das Ungeheure: der Vater nimmt das Kind, um es zu töten. Er bemächtigt sich des Kindes. Er nimmt es der Frau, die es geboren hat. Er geht mit dem Kind an einen Ort, wo es keine Zeugen gibt, wo sie ganz allein sind: Vater und Sohn. Und der Vater schickt sich an, das Kind zu töten, und das Kind erkennt, dass es getötet werden soll. Gefesselt, das Messer schon an der Kehle. Und dann sagt der Vater plötzlich: nein, ich töte dich nicht. Können wir Isaaks Dankbarkeit darüber ermessen? Abraham hat seinem Sohn das Leben geschenkt! Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, das erste Mal in der großen Erzählung schenkt ein Mann einem Kind das Leben – ganz ohne Frau. Das nichtvollzogene Opfer gleicht einer zweiten Geburt und es bringt sogleich den Vater als den alleinigen Erzeuger hervor. Du bist mein Sohn, sagt Abraham, und zwar nur meiner. Damit ist Sara raus aus dem Spiel, sie kann nicht einmal zuschauen. Der Bund zwischen Vater und Sohn wurde ohne sie geschlossen. Damit sind, nebenbei bemerkt, auch alle wohlmeinenden feministischen Versuche, Sara neben Abraham als „Erzmutter“ zu rehabilitieren, zum Scheitern verurteilt – sie gehen von der irrigen Annahme aus, dass die Frauen schon immer hinter den Männern zurückstanden, dass die Macht der Väter einem natürlichen Gesetz folgt. Alle Theorien aber, die ein ursprüngliches Patriarchat postulieren, geraten angesichts der mächtigen Göttinnen in Erklärungsnot. Nein, die Herrschaft der Väter entspringt gerade nicht einer natürlichen Überlegenheit der Männer, wir müssen den patriarchalen Vater im Gegenteil als eine Negation der biologischen Vaterschaft auffassen. Der biologische Vater macht der Frau ein Kind, ihr Kind, er übt als solcher keine Herrschaft aus, wie wir im Falle Hagars gesehen haben.

Das nicht-opfern des Sohnes konstituiert nicht nur den Vater (als gesellschaftliche Rolle und Bestimmungsgröße), sondern etabliert zugleich einen geheimen Bund der Söhne mit den Vätern: nur wir beide wissen, was geschehen ist, keine Frau war je dabei. Somit ist gewährleistet, dass die Söhne genauso handeln werden wie die Väter. Mit ihrem Gott sind sie „in the company of men“. Die Beschneidung dient ihnen als Zeichen: wir vögeln nicht um der Lust, sondern um der Ahnherrschaft willen. Insofern lässt sich die Beschneidung auch nicht als symbolische Kastration verstehen, wie sie die Psychoanalyse in ihrem verqueren Rückgriff auf eine vom Alphamännchen dominierte „Urhorde“ zu deuten versucht hat. Im hohen Alter Abrahams ist zudem eine deutliche Asexualität angelegt, die den biologischen Vater hinter den symbolischen Vater zurücktreten lässt.

Die Herstellung des Vaters durch das nichtvollzogene Opfer des einzigen Sohnes war ein irreversibler Akt. Er ist auch nicht wiederholbar. Unumkehrbar und einzigartig. Somit wird er zur Präformation jedes Mannes nach Abraham. Auch die Negation dieses Aktes durch den Vollzug des Opfers durch den Sohn selbst ist nach dem Kreuzestod des Jesus von Nazareth nicht mehr möglich. Er ist ebenso unumkehrbar und unwiederholbar. Jesus‘ Ansinnen (was wir hier einmal unterstellen), durch den Vollzug des Opfers Gott zum alleinigen Vater zu machen, zum einzigen Patriarchen, die Konstruktion des Vaters durch ihre Apotheose aufzuheben, ist, wie die Geschichte gezeigt hat, gründlich misslungen. Die Kerle gaben ihre Macht nicht wieder her; Maria, die Muttergottes, konnte an die Göttinnen der zyklischen Zeit nicht mehr anknüpfen und führt ein komisch-tragisches Dasein. Selbst der zölibatäre Priester, der sich als „Pater“ anreden lässt, steckt in der abrahamitischen Vaterkonstruktion, die die Frau verneint. Der Vatergott hat das Spiel gewonnen.

Gegen diesen Gründungsakt von Vater und Sohn haben die Frauen und Töchter seit Tausenden von Jahren zu kämpfen. Aber auch sie können ihn nicht ungeschehen machen, auch sie können nicht hinter ihn zurück. Die Opferung Iphigenies ist gerade keine Entsprechung zum Isaak-Opfer; in ihrem Vollzug dehnt sie vielmehr die Herrschaft der Väter auf die Töchter, die Herrschaft der Brüder auf die Schwestern aus. Innerhalb des Systems der Vaterschaft lässt sich eine Gleichberechtigung der Geschlechter, der Zustand vorher, der Zustand der zyklischen Zeit nicht (wieder) herstellen. Es wäre vielleicht anders verlaufen, wenn Iphigenie ihren Vater Agamemnon getötet hätte. So bleibt das Geschlecht Abrahams als einziges übrig. Seit Abraham ist die Frau vor allem eines: kein Mann. Sie zeugt nicht.

Die Unumkehrbarkeit und Unwiederholbarkeit der initialen Nicht-Opferung stellt jede Neuerzählung der Abrahamgeschichte vor ein Problem. Dieses Nicht-Opfer findet keine Entsprechung am Ende der von ihm begründeten linearen Zeit. Es gibt keinen Gegen-Akt, keine Tat, kann sie nicht geben. Es gibt, wie wir gesehen haben, nirgendwo eine Möglichkeit eines „Zurück zu“. Nach dem Nichtvollzug des Sohnesopfers durch den Vater, nach seinem Vollzug durch den Sohn selbst, bliebe nur noch der Verzicht auf die Vaterschaft.

Kommentar (1)

  1. Ich wurde verschiedentlich gefragt, ob es Absicht sei, dass ich substantivierte Verben im Buch klein schreibe. Ja, das ist es. Im Übergang vom Tuwort zum Hauptwort geht nämlich die Bewegung verloren und damit findet auch eine Bedeutungsverschiebung statt: denken ist etwas anderes als das Denken. Da das in meinen Überlegungen eine große Rolle spielt, habe ich mich für diesen Weg entschieden.

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