Leseprobe: Die Angst der Philosophie vor dem Sex

Das Buch ist in 40 Kapiteln aufgebaut, die jeweils aus einem erzählenden und einem philosophischen Teil bestehen.

Leseprobe aus dem 1. Kapitel

1       Eine Geschichte

Am Ende würde es eine kurze Geschichte werden, endlos-endlich, ein Reigen, ein Überschlag. Das wusste ich von Anfang an. Was ist das, ein An-Fang? Wenn man die Bewegung der Zeit für einen Moment anhält, durch schnelles Augenklimpern das Fließen in Einzelbilder zerlegt. In Himmel und Erde schuf Gott den Anfang, so hätte es eigentlich heißen müssen. Gerne hätte ich alles erzählt, alles von den Landschaften, die zu Menschen und von den Menschen, die zu Städten geworden waren, von den Bewegungen und den Beschneidungen, Ein- und Ausbrüchen, Penetrationen und Einverleibungen, Geburten und Aborten. Aber ich merkte mit jedem Wort, das ich machte, wie ich mich weiter von der Wirklichkeit entfernte. Die Worte verweisen immer nur auf andere Worte, jede Geschichte auf eine andere. Am Anfang war nicht das Wort, sondern jedes Wort fängt etwas an. Trotzdem kann einiges nicht ungesagt bleiben. Das ist unser Schicksal, das uns von den Tieren der Tiefe trennt. Mit dem Schweigen stünde die Zeit still. Also muss auch Abrahams Geschichte noch einmal erzählt werden. Weil wir andere geworden sind: schlüpfrige Gestalten. Vielleicht auch, weil ich ihn wiedererkannt habe. Weil ich ihm helfen will, sich zu verstehen. Uns Vorüberziehenden verstehen helfen will. Ich weiß nicht alles über ihn, vieles beruht auf Indizien, manches habe ich vielleicht auch erfunden oder mir eingebildet. Mein Wissen über Abraham ist ein Transzendentalwissen, ein Bekenntniswissen. Ich habe nie erfahren, womit er eigentlich sein Geld gemacht hat, welchem Beruf er nachging. Die Quellen geben nichts her: keine Geschäftsbücher, nicht einmal alte Quittungen. So etwas ist in unserer Zeit vielleicht auch nicht mehr wichtig. Unsere Arbeiten sagen nichts mehr über uns aus; selbst wenn einer sagte, er sei Bauer, dann machen wir uns falsche Vorstellungen. Abraham hatte von dem, was er tat, sicherlich ein tieferes Verständnis, als das tägliche Geschäft von ihm forderte, die Reisen, die Zusammenkünfte, Unterredungen, Verhandlungen. Man könnte sich ihn als einen Mathematiker vorstellen, der das Wesen der Zahlen verstand, der Zusammenhänge kannte, die den anderen Menschen verborgen bleiben mussten, der am Ende für die Kontore und Verwaltungen, die ihn bezahlten, aber bloß banale Berechnungen anstellte, die sie genauso gut selbst hätten erledigen können. Davon verstehen wir nichts, sagen die Leute und wenden sich ab. Das erspart ihnen erfahren zu müssen, wovon sie wirklich nichts verstehen. Ich habe oft Abrahams Langmut bestaunt. Seine Art, Umwege zu nehmen, um niemandem begegnen zu müssen. Seine Geschichte ist eine Geschichte der Zeit. Eine Geschichte vom Finden und eine Geschichte vom Verlieren. Eine Geschichte der Geschlechter und ihrer Leiber, der Geschlechtsteile, der Mösen und Schwänze. Aber wir wissen wenig. Die Wahrheit ist ein winziger Punkt, sie ist mit Tinte ins Meer geschrieben, in den Wind gesprochen. Sie ist eine Lügnerin. Ich habe lange und oft mit den Dämonen getafelt, um ihr nicht anheimzufallen. Die Wahrheit tötet die Lust; man ist für sie nie alt genug. Abraham ist ein anderer geworden, nach allem, was er durchgemacht hat. Wer wollte ihn nicht verstehen? Und doch ist es nicht leicht. Vieles wurde ihm angelastet und es hat Glauben gefunden. So stehen wir mit Befremden vor dieser Figur, ein festgefügtes Bild im Kopf, scheinbar, und könnten auf Nachfrage nichts sagen. Also hören wir noch einmal seine Geschichte.

Wie philosophieren?

Die Philosophie muss im Anfang beginnen, sie ist aber nicht der Anfang, sie steht nicht am Beginn des denkens, sondern sie ist schon immer Reaktion auf etwas gewesen, sie beginnt als Gegenbewegung, als Verleugnung des Elementaren, als schamhafter Bedeckungsversuch nach dem entdecken der Nacktheit. Die Philosophie ist von Anbeginn an eine anti-sexuelle Bewegung, eine Flucht aus der Wirklichkeit in die Wahrheit. Man könnte sie ein Schattenspiel nennen, das die zeugende Bewegung nachahmt; das philosophische denken spielt sich in einem Schattenspiel ab, wo es keine Leiber, keinen Schmutz, Gestank, Hunger gibt. Ist es nicht seit jeher das Ziel der Philosophen gewesen, sich so weit wie möglich von der Wirklichkeit zu entfernen? Wo sie als Schatten der wirklich zeugenden Bewegung begann, hatte sie zudem immer schon den Tod ins Auge gefasst; den Tod als das absolute zurruhekommen, den Zustand, in dem uns nichts mehr ablenkt, den vollkommenen Schatten.

Das wissen um unsere Sterblichkeit gilt vielen als die Bedingung menschlichen Bewusstseins schlechthin. Sie halten den Tod daher für die größte Aufgabe der Menschheit. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn im sterben sind wir alle gleich. Im zeugen aber nicht. Wo der Tod die Menschen eint, werden sie durch ihre Geschlechtlichkeit entzweit. Wo der Tod Idealität und Reinheit verspricht, ist der Zeugungsakt Einfallstor für Streit, Eifersucht, Krankheit, Gewalt. Mit dem Zeugungsakt ist zugleich das Vulgäre verbunden; vielleicht ist es das Vulgäre überhaupt, vielleicht können wir darüber gar nicht anders sprechen, muss unser sprechen über die Zeugung notwendig vulgär sein. Der Philosoph wendet sich entrüstet ab. Glaubt er etwa an die Jungfrauengeburt? Er strebt nach Reinheit. Er verleugnet die Vorstellung, einmal aus einem blutigen Loch gekrochen zu sein, in das neun Monate zuvor ein stinkender Stengel seinen Schleim abgesondert hat. Der Wille zum nichtwissen ist beim Philosophen so ausgeprägt, dass er seine Sexualität frühestmöglich zu überwinden sucht. Es sind immer nur die anderen, die ficken. In der Philosophie drückt sich die Angst der Männer vor den Frauen aus, aus dieser Angst wurde sie einst geboren. Eine Philosophie vom Sex, vom Sex her (nicht über den Sex, so wie man über das Schöne, Wahre, Gute philosophiert), eine solche Philosophie ist folglich Anti-Philosophie – aber gerade dadurch erweist sie dem denken ihren Dienst. Die Philosophie hat ihre ureigene Methode, die Dialektik, nie auf sich selbst angewandt, sie war auf diesem Auge immer blind, hat nie ihr Anderes gesehen. Man könnte das ihre Zielversessenheit nennen. Sie leugnet ihre niedere Herkunft, frönt dem Vertikalismus, immer höher hinaufsteigend, alles hinter sich, unter sich lassend, in fast schon neurotischer Angst vor der Horizontalen, der Ebene, dem Meer. Wie philosophieren? Die Antwort kann nur lauten: schamlos, obszön, horizontal, nackt.

Lesen Sie auch:

Die Natur gibt es nicht

Die Erfindung des Vaters

Kommentar (1)

  1. Ich wurde verschiedentlich gefragt, ob es Absicht sei, dass ich substantivierte Verben im Buch klein schreibe. Ja, das ist es. Im Übergang vom Tuwort zum Hauptwort geht nämlich die Bewegung verloren und damit findet auch eine Bedeutungsverschiebung statt: denken ist etwas anderes als das Denken. Da das in meinen Überlegungen eine große Rolle spielt, habe ich mich für diesen Weg entschieden.

Kommentare sind geschlossen.