Leseprobe: Eine Geschichte

Am Ende würde es eine kurze Geschichte werden, endlos-endlich, ein Reigen, ein Überschlag. Das wusste ich von Anfang an. Was ist das, ein An-Fang? Wenn man die Bewegung der Zeit für einen Moment anhält, durch schnelles Augenklimpern das Fließen in Einzelbilder zerlegt. In Himmel und Erde schuf Gott den Anfang, so hätte es eigentlich heißen müssen. Gerne hätte ich alles erzählt, alles von den Landschaften, die zu Menschen und von den Menschen, die zu Städten geworden waren, von den Bewegungen und den Beschneidungen, Ein- und Ausbrüchen, Penetrationen und Einverleibungen, Geburten und Aborten. Aber ich merkte mit jedem Wort, das ich machte, wie ich mich weiter von der Wirklichkeit entfernte. Die Worte verweisen immer nur auf andere Worte, jede Geschichte auf eine andere. Am Anfang war nicht das Wort, sondern jedes Wort fängt etwas an. Trotzdem kann einiges nicht ungesagt bleiben. Das ist unser Schicksal, das uns von den Tieren der Tiefe trennt. Mit dem Schweigen stünde die Zeit still. Also muss auch Abrahams Geschichte noch einmal erzählt werden. Weil wir andere geworden sind: schlüpfrige Gestalten. Vielleicht auch, weil ich ihn wiedererkannt habe. Weil ich ihm helfen will, sich zu verstehen. Uns Vorüberziehenden verstehen helfen will. Ich weiß nicht alles über ihn, vieles beruht auf Indizien, manches habe ich vielleicht auch erfunden oder mir eingebildet. Mein Wissen über Abraham ist ein Transzendentalwissen, ein Bekenntniswissen. Ich habe nie erfahren, womit er eigentlich sein Geld gemacht hat, welchem Beruf er nachging. Die Quellen geben nichts her: keine Geschäftsbücher, nicht einmal alte Quittungen. So etwas ist in unserer Zeit vielleicht auch nicht mehr wichtig. Unsere Arbeiten sagen nichts mehr über uns aus; selbst wenn einer sagte, er sei Bauer, dann machen wir uns falsche Vorstellungen. Abraham hatte von dem, was er tat, sicherlich ein tieferes Verständnis, als das tägliche Geschäft von ihm forderte, die Reisen, die Zusammenkünfte, Unterredungen, Verhandlungen. Man könnte sich ihn als einen Mathematiker vorstellen, der das Wesen der Zahlen verstand, der Zusammenhänge kannte, die den anderen Menschen verborgen bleiben mussten, der am Ende für die Kontore und Verwaltungen, die ihn bezahlten, aber bloß banale Berechnungen anstellte, die sie genauso gut selbst hätten erledigen können. Davon verstehen wir nichts, sagen die Leute und wenden sich ab. Das erspart ihnen erfahren zu müssen, wovon sie wirklich nichts verstehen. Ich habe oft Abrahams Langmut bestaunt. Seine Art, Umwege zu nehmen, um niemandem begegnen zu müssen. Seine Geschichte ist eine Geschichte der Zeit. Eine Geschichte vom Finden und eine Geschichte vom Verlieren. Eine Geschichte der Geschlechter und ihrer Leiber, der Geschlechtsteile, der Mösen und Schwänze. Aber wir wissen wenig. Die Wahrheit ist ein winziger Punkt, sie ist mit Tinte ins Meer geschrieben, in den Wind gesprochen. Sie ist eine Lügnerin. Ich habe lange und oft mit den Dämonen getafelt, um ihr nicht anheimzufallen. Die Wahrheit tötet die Lust; man ist für sie nie alt genug. Abraham ist ein anderer geworden, nach allem, was er durchgemacht hat. Wer wollte ihn nicht verstehen? Und doch ist es nicht leicht. Vieles wurde ihm angelastet und es hat Glauben gefunden. So stehen wir mit Befremden vor dieser Figur, ein festgefügtes Bild im Kopf, scheinbar, und könnten auf Nachfrage nichts sagen. Also hören wir noch einmal seine Geschichte.